Flüchtlingshilfe – Junge Erwachsene –
Seelsorge – „Kirche tut was!“


Aus dem Diözesanrat 13./14. Mai 2022

Sitzung des Diöze­san­rats vom 13. bis 14. Mai 2022, Jochen Wiedemann

Der Diözesanrat Rottenburg-Stuttgart beschließt die Aufstockung des Zweckerfüllungsfonds Flüchtlingshilfe, beschäftigt sich mit dem pastoralen Schwerpunktthema „Junge Erwachsene“ und informiert sich über die Auswirkungen der Pandemie in der Klinik- und Altenheimseelsorge. Ein weiteres Thema war die Stellungnahme der Diözese Rottenburg-Stuttgart zur Weltbischofssynode.

Zum ersten Mal seit sein­er Kon­sti­tu­ierung im März 2021 hat der 11. Diöze­san­rat der Diözese Rot­ten­burg-Stuttgart in Präsenz getagt.

In sein­er Sitzung am 13. und 14. Mai im Bil­dung­shaus Kloster Unter­march­tal beschäftigte sich das ober­ste gewählte Priester- und Laien­gremi­um mit den The­men Junge Erwach­sene, Zweck­er­fül­lungs­fonds sowie der Klinik- und Altenheim­seel­sorge. Des Weit­eren stand der Bericht der Diözese zur Welt­bischof­ssyn­ode auf der Tage­sor­d­nung – eine Zusam­men­fas­sung der Stel­lung­nah­men aus der gesamten Diözese, inklu­sive der Erk­lärung des Diözesanrats.

Zuvor hat­ten die diöze­sa­nen Räte mit ein­deutiger Mehrheit Gabriele Den­ner zu ihrer neuen Geschäfts­führerin bestellt. Nach gut 50 Jahren übern­immt damit erst­mals eine Frau die Geschäfts­führung des Diöze­san­rats und Priester­rats der Diözese Rot­ten­burg-Stuttgart. Der

bish­erige Geschäfts­führer Alexan­der Bair wech­selt im Sep­tem­ber 2022 zum Diözesancaritasverband.

Zwischenstand Projekt Junge Erwachsene

Susanne Grim­bach­er und Andreas Chucherko, die bei­den Leit­er des Pro­jek­ts „Junge Erwach­sene“, stell­ten das Umset­zungskonzept vor, berichteten über ihre Arbeit mit der Ziel­gruppe und informierten das Gremi­um über den aktuellen Stand des Pro­jek­ts. Dieses wurde 2019 vom 10. Diöze­san­rat als ein Schw­er­punk­t­the­ma der Diözese geset­zt. Der Aus­lös­er dafür war u.a. eine Studie zu den Aus­trittszahlen, worin sicht­bar wurde, dass vor allem Men­schen zwis­chen 18 und 35 Jahren aus der Kirche aus­treten. Die daraufhin geschaf­fene und auf fünf Jahre begren­zte Pro­jek­t­stelle beschäftigt sich mit eben dieser Ziel­gruppe – junge Men­schen zwis­chen 18 und 35 Jahren, die wenig oder gar keinen Kon­takt zur Kirche haben, der Kirche vielmehr skep­tisch gegenüber­ste­hen, bei denen aber Fra­gen zur sinns­tif­ten­den Lebens­gestal­tung eine wichtige Rolle spie­len. Der Auf­trag war, ein Umset­zungskonzept, das sich bewusst außer­halb der bish­er üblichen pas­toralen Konzepte und nicht dem Erhalt der Organ­i­sa­tion zu dienen hat. „Vielmehr geht es um die pas­torale Aus­rich­tung, um die Rel­e­vanz von Kirche im Leben junger Erwach­sen­er. Nicht um der Kirche willen, son­dern um der jun­gen Erwach­se­nen willen,“ beto­nen Susanne Grim­bach­er und Andreas Chucherko.

Ziel ist es ein­er­seits, durch ver­schiedene Ange­bote Kon­tak­te zu jun­gen Erwach­se­nen herzustellen, deren Lebenswirk­lichkeit­en the­o­retisch und prak­tisch zu ver­ste­hen und ander­er­seits Möglichkeit­en neuer Zugangswege an neuen Orten auszupro­bieren und auszu­loten und dazu entsprechende Ini­tia­tiv­en zu fördern. Ganz bewusst wer­den dabei keine Pro­jek­te ini­ti­iert oder gefördert, die in der Kirche bere­its ver­ankerte junge Erwach­sene ansprechen. Stattdessen geht es um junge Erwach­sene, die in Dis­tanz zur Kirche leben.

Grim­bach­er und Chucherko führen regelmäßig qual­i­ta­tive Inter­views mit jun­gen Erwach­se­nen aus ver­schiede­nen Milieus und Alters­grup­pen (zw. 18 und 35 Jahren), werten diese fort­laufend aus und lassen die Ergeb­nisse ins aktuelle Tun des Umset­zens ein­fließen, auch unter Berück­sich­ti­gung aktueller Forschung zum The­ma. Die Ergeb­nisse wer­den regelmäßig aus­gew­ertet. Susanne Grim­bach­er und Andreas Chucherko sind überzeugt: „Das mit Kirche und jun­gen Erwach­se­nen, das wird was!“

Aufstockung Zweckerfüllungsfonds Flüchtlingshilfe

Laut dem Flüchtling­shil­f­swerk der Vere­in­ten Natio­nen waren in 2021 erst­ma­lig mehr als 84 Mio. Men­schen weltweit auf der Flucht, wobei die schätzungsweise 12 Mio. Geflüchteten in und aus der Ukraine noch nicht berück­sichtigt sind. Von diesen sind bere­its rund 727 000 Flüchtlinge aus der Ukraine in Deutsch­land angekom­men, davon rund 100 000 in Baden-Würt­tem­berg. Sie müssen ver­sorgt und inte­gri­ert wer­den – eine große Her­aus­forderung für Kirchenge­mein­den, kirch­liche Ein­rich­tun­gen und den Diöze­san­car­i­tasver­band. Ein Ende des Krieges ist derzeit nicht abse­hbar. Um die Hil­fen auch über eine län­gere Zeit aufrechter­hal­ten zu kön­nen, müssen Akteure der kirch­lichen Flüchtling­shil­fe in der Ukraine, in ihren Nach­bar­län­dern und in der Diözese Rot­ten­burg-Stuttgart dafür finanziell in Stand geset­zt wer­den. Zugle­ich müssen auch andere Pro­jek­te der weltkirch­lichen Flüchtling­shil­fe, etwa im Irak, fort­ge­set­zt werden.

„Wir sind aufgerufen den Akteuren der kirch­lichen Flüchtling­shil­fe bei ihrer Arbeit für diese Men­schen dort, wo wir es ver­mö­gen, zu helfen — mit kurzfristi­gen Maß­nah­men, aber auch mit

langfristi­gen Pro­jek­ten. Es gibt so viele Stellen an denen Hil­fe notwendig wäre. Wir kön­nen nicht über­all helfen, aber wir kon­nten schon einiges tun mit den Mit­teln, die Sie, die Mit­glieder des Diöze­san­rats, uns zur Ver­fü­gung gestellt haben,“ so Nor­bert Brüderl, Vor­sitzen­der des Diöze­sanauss­chuss­es Eine Welt.

„Es ist uns sehr wichtig, dass der Zweck­er­fül­lungs­fonds nicht ein­fach Ukraine­hil­fe ist, son­dern Hil­fe für alle Geflüchteten, völ­lig unab­hängig von ihrer Herkun­ft,“ betonte Dr. Joachim Drumm, Flüchtlings­beauf­tragter der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Um dieses Engage­ment in sein­er ganzen Bre­ite fort­führen zu kön­nen, hat der Diöze­san­rat die Auf­s­tock­ung der bei­den diöze­sa­nen Fonds der Flüchtling­shil­fe beschlossen. Dazu wer­den aus dem Jahresüber­schuss 2021 des Diöze­san­haushalts jew­eils 3 Mio. Euro, ins­ge­samt also 6 Mio.

€, für die weltkirch­liche und die diöze­sane Flüchtling­shil­fe zur Ver­fü­gung gestellt. „Wir haben die Möglichkeit Men­schen, woher sie auch kom­men oder sind, in ihrer Not zu unter­stützen. Das ist eine diakonis­che Tat unser­er Diözese, der Ort­skirche von Rot­ten­burg-Stuttgart, auf die wir auch stolz sein dür­fen. Denn hier geschieht sehr viel Gutes“, so Bischof Fürst.

Klinik- und Altenheimseelsorge in der Pandemie

In beein­druck­ender Weise berichteten Beat­rix Schu­bert und Mar­i­anne Rathgeb sowie Ralf Weber über ihre vielfälti­gen Auf­gaben und Erfahrun­gen in der Klinikseel­sorge und der Altenheim­seel­sorge. Immer noch wirkt die Pan­demie nach, bei der anfangs eine große Verun­sicherung, Zutrittsver­bote, Rat­losigkeit, unein­heitliche Vor­gaben bei Mitar­bei­t­en­den und Patien­ten sowie die Angst vor Ansteck­ung, auch mit Blick auf Ange­hörige, im Vorder­grund standen. Wie wichtig die Arbeit der Seelsorger:innen in Kliniken und Altenheimen ist, bestätigte Nobert Schnee, seit über 40 Jahren im Diöze­san­rat: „Als Betrof­fen­er und damit aus per­sön­lich­er Erfahrung weiß ich, wie wichtig die Arbeit der Seelsorger:innen ist. Ger­ade in Zeit­en der Pan­demie waren sie manch­mal der einzige Kon­takt der Men­schen auf der Inten­sivs­ta­tion zur Außen­welt. Ihnen gilt mein Dank, mein großer Respekt und meine Wertschätzung.“ Wie in anderen Bere­ichen kam es auch in der Klinik- und Altenheim­seel­sorge zu einem Dig­i­tal­isierungss­chub. Ein­er­seits begleit­et von Ent­gren­zung und Ernüchterung ander­er­seits führte das aber auch zu ein­er spir­ituellen Kreativ­ität­sex­plo­sion. Schwierig war das Han­deln zwis­chen den Wel­ten, um Betrof­fe­nen, Ange­höri­gen und Mitar­bei­t­en­den gle­icher­maßen gerecht zu wer­den. „Die Krisen­si­t­u­a­tion erforderte Han­deln wider besseren Wis­sens – und das hin­ter­lässt Spuren. Und wo bleibt die Kirche? In vielfältiger Weise an der Seite der Men­schen in der akuten Not­si­t­u­a­tion und in ein­er ger­ade erst ange­laufe­nen Lern­si­t­u­a­tion, in der sie nicht hin­ter die Erfahrun­gen aus der Pan­demie zurück­fall­en darf,“ erk­lärte Beat­rix Schu­bert, Klinikseel­sorg­erin in Tübingen.

Bischof Dr. Geb­hard Fürst war tief bewegt: „Mich haben die Berichte nicht nur per­sön­lich, son­dern auch im Hin­blick auf meine Auf­gabe sehr berührt. Ich habe sie als eine Med­i­ta­tion über das heil­same Han­deln aus dem Geist des Evan­geli­ums am Men­schen erlebt — Seel­sorge vor Ort und ganz nah beim Men­schen. Ich bin tief beein­druckt und dankbar.“

Bericht der Diözese Rottenburg-Stuttgart zur Weltsynode 2023

Bischof Dr. Geb­hard Fürst informierte über die Stel­lung­nahme der Diözese Rot­ten­burg-Stuttgart zur Welt­syn­ode, die er Anfang Mai 2022 der Deutschen Bischof­skon­ferenz zuge­sandt hat­te. In dem Bericht schilderte er zunächst die Sit­u­a­tion in den Kirchenge­mein­den, die in großer Sorge um die Zukun­ft der Kirche sind: Über­al­terung, Kirchenaus­tritte, Priester­man­gel, Miss­brauch machen weitre­ichende Refor­men erforder­lich. Der Glaubenssinn der Men­schen ist ernst zu nehmen, Macht ist zu beschränken, Ämter und Auf­gaben zeitlich zu befris­ten. Weit­ere The­men sind die Gle­ich­berech­ti­gung von Män­nern und Frauen, eine dem Stand des Wis­sens entsprechende Sex­ual­moral, Stärkung der Ökumene. Ein beson­der­er Abschnitt gilt dem Rot­ten­burg­er Mod­ell. Der Diöze­san­rat hat­te im Novem­ber 2021 eine eigene Erk­lärung zur Welt­bischof­ssyn­ode ver­ab­schiedet. „Mein Dank gilt an dieser Stelle der Haupt­abteilung IV – Pas­torale Konzep­tion des Bis­chöflichen Ordi­nar­i­ats, unter der Leitung von Wei­h­bischof Matthäus Kar­rer, der mich maßge­blich bei der Erstel­lung des Berichts unter­stützt hat. Dieser ist eine Zusam­men­fas­sung der Stel­lung­nah­men, die mich aus der gesamten Diözese, aus Kirchenge­mein­den, Seel­sorgeein­heit­en und Dekanat­en erre­icht haben. Die vom Diöze­san­rat im Novem­ber 2021 beschlossene Erk­lärung wurde dabei im voll­ständi­gen Wort­laut über­nom­men“, so Bischof Fürst.

Pastorale Schwerpunkte in Kraft gesetzt

Abschließend informierte Bischof Dr. Geb­hard Fürst die Diöze­sa­nen Räte darüber, dass die in der Märzsitzung 2022 vom Diöze­san­rat ver­ab­schiede­ten Pas­toralen Schw­er­punk­te – Glauben­skom­mu­nika­tion, Engage­menten­twick­lung, Ver­net­zung im pas­toralen und diakonis­chen Han­deln, strate­gis­che Per­son­al und Organ­i­sa­tion­sen­twick­lung – in Kraft geset­zt sind.

Alle zwei Jahre emp­fiehlt der Diöze­san­rat als Pas­toral­rat Bischof Dr. Geb­hard Fürst pas­torale Schw­er­punk­te für die Weit­er­en­twick­lung der Seel­sorge in der Diözese. In sein­er Märzsitzung hat­te das Gremi­um nach inten­siv­en Beratun­gen das Beratungspa­pi­er für die pas­toralen Schw­er­punk­te in den Jahren 2023 und 2024 mit großer Mehrheit ver­ab­schiedet. Dieses war zuvor vom Pas­toralauss­chuss und der für die Pas­toral zuständi­gen Haupt­abteilung unter der Leitung von Wei­h­bischof Matthäus Kar­rer sorgfältig erar­beit­et worden.

Pressemit­teilung des Diözesanrats